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08.03.2010 16:50

Indien: Kfz-Branche fährt wieder bergauf

Absatz nimmt zu / Optimistische Signale für dieses Jahr / Von Katrin Pasvantis

MUMBAI (NfA/gtai)--In Indiens Kfz-Industrie scheint die Krise überwunden. Die Automobilverkäufe erreichen neue Höhen, und die Hersteller überbieten sich bei der Einführung von neuen Fahrzeugmodellen. Außerdem wird die so genannte BS4-Norm, die am 1. April in Kraft tritt, eine neue, striktere Emissionsrichtlinie mit sich bringen.

In den letzten drei Quartalen 2009 legte in Indien sowohl der Inlandsabsatz von Pkw als auch der von Nutzfahrzeugen kräftig mit 24 beziehungsweise 22% gegenüber der Vorjahresperiode zu. Der Trend geht aufwärts. Im Dezember stiegen die Verkäufe von Pkw um mehr als 40% gegenüber dem Vorjahresmonat. Bei Nutzfahrzeugen wurde sogar ein Plus von 172% verzeichnet. Wenngleich diese Rate auch Ausdruck der vergleichsweise niedrigen Absatzzahlen des Vorjahres ist, setzt sie doch ein positives Signal, weshalb die Branche optimistisch in dieses Jahr startete.

Kleinst- und Kleinwagen sind mit mehr 60% der Inlandsverkäufe der erfolgreichste Automobiltyp des Subkontinents. Aber auch Minivans und geländegängige Fahrzeuge haben einen Marktanteil von gut 20% und legen mit kräftigen Wachstumsraten zu. Die großen Hersteller stehen bereits mit neuen Modellen in den Startlöchern um das Rennen um Marktanteile für sich zu gewinnen. Premiere feiern sollen demnächst die Kleinwagen Chevrolet Beat, Volkswagen Polo, Ford Figo, Nissan Micra und ein Kleinwagen von Toyota mit dem Projektnamen EFC.

Insgesamt sollen über alle Segmente hinweg 30 neue Fahrzeugmodelle und mehr als 100 Varianten bestehender Typen präsentiert werden. Im Januar wurden sowohl der BMW Grand Turismo als auch der Nissan 370Z vorgestellt, und im Jahresverlauf folgen unter anderem der neue Maruti Suzuki WagonR, Suzuki Kizashi, Tata Crossover, Scoda Yeti, M&M World SUV, Porsche Boxster (S), Jaguar XJ und Range Rover Sport.

Die Meinungen über die Folgen der zahlreichen Markteinführungen gehen auseinander. Während die einen fürchten, dass der Produktionsausbau zu Überkapazitäten führen könne, erwarten andere durch die neuen Modelle Nachfrageimpulse. Besonders Erstkäufer könnten angesprochen werden, die angesichts der geringen Motorisierung der Bevölkerung das wichtigste Kundensegment bilden. Offizielle Zahlen zum Fahrzeugbestand liegen nicht vor, aber höchstens 1% der 1,1 Mrd Inder dürfte wohl ein Kraftfahrzeug besitzen; das wichtigste Fortbewegungsmittel sind Zweiräder.

Die Nutzfahrzeughersteller blicken auf ein schwieriges Jahr zurück. Der Inlandsabsatz ging in der ersten Hälfte des Finanzjahres 2009/10 (April bis September) um 4,4% zurück. Im Juli kam die Trendwende, und seitdem legen die Absatzzahlen wieder gegenüber den jeweiligen Vorjahresmonaten zu. Während bei Fahrzeugen zum Personentransport trotz Krise noch leichte Wachstumsraten eingefahren werden konnten - vor allem weil Busse für den öffentlichen Personennahverkehr bestellt wurden -, brach der Absatz von Lkw und Kleintransportern ein. Ende 2009 stiegen auch die Verkaufszahlen für den Gütertransport wieder, angetrieben von der anziehenden Industrieproduktion.

Der Aufwärtstrend dürfte sich im Nutzfahrzeugsegment fortsetzen. Das Analyseinstitut CMIE erwartet für das Finanzjahr 2009/10 einen Anstieg des Index der industriellen Produktion (IIP) um 7,2% nach nur 2,6% im Vorjahr. Die Kfz-Industrie dürfte zu den Gewinnern des Aufschwungs zählen, und der IIP soll in diesem Segment um 9,7 nach 2,6% (2007/08) zulegen.

Die nachlassende Nachfrage nach Kraftfahrzeugen bekamen 2008/09 auch die Zulieferer zu spüren. Der Fachverband Automotive Component Manufacturers Association (ACMA) schätzt, dass die Kfz-Teileproduktion in Indien im vergangenen Finanzjahr nur noch um 6% auf rund 19,1 Mrd USD (inklusive Teile für Zwei-, Dreiräder und Traktoren) gegenüber dem Vorjahr zulegte, nachdem 2007/08 noch ein Plus von 20% verzeichnet wurde. Aktuelle Zahlen für den bisherigen Verlauf 2009/10 liegen noch nicht vor, aber die Produktion dürfte parallel mit der Erholung der gesamten Branche angezogen haben.

ACMA zufolge stiegen die Investitionen in der Teileindustrie 2008/09 um 7% auf 7,7 Mrd USD (2007/08: +33%), die Importe von Kfz-Teilen legten um 35% auf 6,1 Mrd USD (+31%), die Exporte um knapp 19% auf 3,6 Mrd USD (+7,2%) zu.

Fast alle großen Automobilhersteller sind auf dem Subkontinent mit einer Produktionsstätte vertreten, und in diesem Jahr sind zahlreiche Kapazitätserweiterungen geplant. Für deutsche Produzenten und Zulieferer bietet Indien gute Absatzchancen, denn das südasiatische Boomland zählt zu den wachstumsstärksten Märkten weltweit. Das Marktpotential ist angesichts der wachsenden Mittelschicht und der bislang geringen Motorisierung der Milliardennation groß. Das Umsatzvolumen des Kfz-Marktes einschließlich Nfz werde sich bis 2016 von 36 Mrd auf 115 Mrd USD erhöhen, prognostizierte der Präsident von SIAM, Dr. Parwan Goenka, anlässlich der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt im September 2009.

Deutsche Technik genießt in Indien einen hervorragenden Ruf und die Wirtschaftsbeziehungen werden auch politisch gefördert. Die deutsch-indische Arbeitsgruppe für den Kfz-Sektor, die Anfang 2009 auf Initiative beider Regierungen gegründet wurde, tagte bei der IAA 2009 zum zweiten Mal. Neben der Intensivierung der Partnerschaft sind Schwerpunkte der gemeinsamen Arbeit Forschung und Entwicklung sowie Fragen des Marktzugangs. In der Arbeitsgruppe kommen Regierungs- und Industrievertreter beider Länder zusammen.

Einige Hersteller planen den Anteil der lokalen Komponenten an ihrer Fahrzeugproduktion zu erhöhen. Toyota Kirloskar Motor Pvt. Ltd. will eine Motorenfabrik auf dem Gelände der neu entstehenden Produktionsanlage in Bangalore bauen. Hyundai Motors India hat eine Machbarkeitsstudie für ein Dieselmotorenwerk in Auftrag gegeben. Das Unternehmen erhofft sich mit der indischen Produktionsstätte neben Preisvorteilen eine verminderte Abhängigkeit von Süd-Korea. Nissan hat angekündigt, etwa 80% der Komponenten für den Micra von Herstellern in Indien zu beziehen.

Für den Marktneuling Polo hat Volkswagen eine lokale Quote von 75% im Visier; derzeit sind es 50%. Darüber hinaus hat Volkswagen damit begonnen, Kfz-Teile wie Lichtsysteme, Kunststoff- und Metallteile aus Indien für seine Produktion in Europa zu beziehen. Ziel sei es, bis Ende des Jahres den Wert der Komponenten aus Indien für die weltweite Produktion auf 1,46 Mrd USD zu erhöhen.

Audi plant sein Engagement in Indien auszuweiten und mehr Modelle auf dem Subkontinent bauen zu lassen. Ford India investiert 500 Mio USD in die Verdoppelung der Kapazitäten seiner Fertigung bei Chennai von derzeit 200.000 Automobilen sowie in den Bau eines Motorenwerks (Kapazität: 250.000 Motoren pro Jahr) zu investieren. Letzteres soll in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen und befindet sich bereits im Bau.

Nissan und Renault planen gemeinsam mit Bajaj Auto ab 2012 einen billigen Kleinwagen anzubieten, der mit dem Nano von Tata konkurrieren soll. Tata Motors hat im Oktober Hispano Carrocera SA übernommen. Mahindra and Mahindra plant seinen Anteil an Swaraj Engines zu erhöhen und verhandelt mit Kirloskar Oil Engine's (KOE) den Aufkauf der von KOE gehaltenen Anteile. Mahindra and Mahindra soll außerdem in Chennai ein neues Fahrzeugwerk planen.

General Motors India und Reva Electric Car Company haben 2009 einen Vertrag zum Bau eines Elektroautos, Chevrolet Spark, unterzeichnet. Der Wagen soll im GM Werk in Halol oder Talegaon gefertigt werden. Reva plant zudem zwei neue Modelle auf den Markt zu bringen, die in der Anlage des Unternehmens in Bangalore gebaut werden sollen. Kamaz und Cummins haben in Tartastan mit der Produktion von Dieselmotoren begonnen.

Eicher und Volvo wollen ab Mitte des Jahres in einem Joint Venture Niederflurbusse für den öffentlichen Nahverkehr fertigen. Anfangs will man 100 Busse pro Monat bauen und die Kapazitäten dann sukzessive ausbauen. Same Deutz-Fahr, italienscher Hersteller von Traktoren et cetera, ist dabei, die Motorenproduktion von Italien in sein Werk bei Chennai zu verlagern. Rico Auto Industries plant, zwei neue Werke außerhalb des derzeitigen Produktionsstandorts im Bundesstaat Haryana, zu errichten.

Pioneer Alloy Castings hat mit Mazak,DMG aus Deutschland und dem japanischen Unternehmen Moriseki Verträge zur Lieferung von über 150 CNC Maschinen für die Fertigung von Gussteilen geschlossen. NK Minda Group und EMER SPA wollen im Rahmen eines Joint Venture gemeinsam Kfz-Teile entwickeln, produzieren und vermarkten.

Der Reifenhersteller Michelin plant 856 Mio USD in ein neues Werk in der Nähe von Chennai zu investieren. Die ersten Reifen für Lkw und Busse sollen 2012 vom Band laufen. Auch Wettbewerber Apollo Tyres will seine Kapazitäten aufstocken und plant die Produktion in seiner Niederlassung in Chennai noch im ersten Quartal um 50% auf 1.600 t pro Tag zu erhöhen. Dunlop nahm Ende 2009 die Fabrikation in seinem Werk in Shaganj nach einjähriger Pause wieder auf. JK Tyre & Industries plant seine Produktion von Bus- und Lkw-Reifen auf über 800.000 Einheiten pro Jahr zu erhöhen. Bridgestone will die Erzeugung in seinem bestehenden Werk in Pithampur erhöhen und 268 Mio EUR in ein zweites Reifenwerk bei Pune investieren.

K.P./NfA/9.3.2010

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